Für den Einsatz von Diagnostik sind aber nicht allein die Methoden ausschlaggebend. Vielmehr ist ihr allgemeiner Einsatz abhängig von den Zielen und Wünschen des Individuums und der Gesellschaft. Dabei ist die Vorstellung von einer Krankheit („das klinische Bild“) nicht nur eine medizi-nisch-naturwissenschaftliche, objektive Definition, sondern auch ein Phänomen, das einer gesellschaftlichen Bewertung unterliegt. So haben Krankheiten wie Metabolisches Syndrom, Herzkreislauferkrankungen („Manager-Krankheit“) und Krebs (insbesondere der Brustkrebs der Frau) ein bestimmtes gesellschaftliches Image. Andererseits sind dies Erkrankungen, die immer schon familiär gehäuft auftreten und, was immer postuliert wurde und jetzt auch konkret nachgewiesen werden kann, sind es Krankheiten, für die es bestimmte genetische Dispositionen gibt.
Prädiktive genetische Diagnostik, die durch immer einfacher anzuwendende Tests (Chips!) weitere, auch unkontrollierte Verbreitung finden wird, vermittelt einerseits eine Illusion von Sicherheit für das Individuum („Da weiß ich, wo ich dran bin, kann Vorsorge treffen“). Andererseits gibt sie Anbietern die Macht, für definierte Zielgruppen diagnostische Möglichkeiten anzubieten („Wir wollen doch nur helfen!“). Genetische Tests werden vermeintlich freiwillig nach ausreichender Aufklärung durchgeführt. Dabei wird in der Regel übersehen, dass die präzisen Spielregeln, innerhalb derer Entscheidungsfreiheit besteht, von einer Normierung, einem gesellschaftlichen Konsens ausgehen, nicht von der Natur des Menschen und auch nicht von seinem naturbelassenen Wohl.
Neue Ziele prophylaktischer und therapeutischer Maßnahmen sind z. B. „Anti-Aging“ und „Die Therapie des Kinderwunsches“, therapeutisches Klonen und Stammzellbanken für alle. Der Vortrag lenkte den Blick auf die Möglichkeiten, die es heute schon gibt und auf einige, die für die Zukunft von unterschiedlichen Interessenvertretern erwartet werden.