Prof.Dr.med. Elisabeth Gödde
Datteln

"Krebs ist keine ansteckende Krankheit- der Mensch bleibt immer noch derselbe"

13.01.2007

Diagnose Brustkrebs: Der Partner braucht nun ebenfalls seelische Unterstützung

Ibbenbüren. Die Diagnose Brustkrebs ist für viele Frauen ein Schockerlebnis. Darüber, wie Frauen die Diagnose erleben, was für Auswirkungen Brustkrebs auf die Partnerschaft hat und wann eine Psychotherapie sinnvoll ist, sprach Nadine Jansen mit der Psychotherapeutin Prof. Dr. Elisabeth Gödde, die im Klinikum zum Thema „Brustkrebs als Erblast?" berät.

Wie erleben Frauen die Diagnose Brustkrebs?

Gödde: Viele stellen sich die Frage, warum ausgerechnet sie betroffen sind, denken, dass das nicht wahr sein könne. Die Diagnose Brustkrebs wird als sehr bedrohlich erlebt, wie alle akuten Sachen, die einem passieren.

Kann man sich auf die Diagnose Brustkrebs vorbereiten, oder trifft das einen vollkommen unerwartet?

Gödde: Vorbereiten kann man sich nicht, ich fände es auch ungesund, wenn man das machen würde, denn dann wäre man ja fixiert darauf, krebskrank zu sein. Es gibt auch jede Menge Menschen, die nicht an Krebs erkranken. Bis zum 80. Lebensjahr erkrankt eine von neun oder zehn Frauen an Brustkrebs. Sinnvoll ist allerdings, dass man sich klarmacht, dass die sogenannte Krebsvorsorge Früherkennungsuntersuchungen sind, und es bei Früherkennung ganz realistische Chancen auf Heilung gibt. Die Metapher Krebs gleich Tod ist zumeist schlichtweg falsch.

Wird bei der Diagnose Brustkrebs grundsätzlich ein Psychologe eingeschaltet?

Gödde: Es ist unterschiedlich, wie das in einzelnen Kliniken organisiert wird. Im Rahmen des Brustzentrums gibt es eine psychoonkologische Betreuung. Es hat sich allgemein eingebürgert, dass in akuten Situationen Psychologen eingeschaltet werden. Ich halte das nicht für zwingend notwendig. Ein Mensch mit einer gesunden Grundkonstitution, der sich nicht anderweitig in einer kippeligen Lebenssituation befindet, ist durchaus in der Lage, eine belastende Situation auszuhalten. Menschliches Leben ist nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen. Wir sind ständig mit bedrohlichen Situationen konfrontiert. Brustkrebs ist da natürlich ein ganz besonderer Knaller. Aber die menschliche Seele hat auch ihre Selbstheilungskräfte. Für manche ist es ganz gut, wenn sie Gesprächspartner für systematische Gespräche haben, aber das können auch Familienmitglieder, Freunde und Seelsorger sein.

Oder der Partner?

Gödde: Gerade beim Partner ist es nicht in Ordnung, wenn immer von ihm erwartet wird, dass er die starke Position übernimmt und stützend, helfend und planend aktiv wird. Wenn eine Frau an Krebs erkrankt, dann ist der Partner zwar nicht körperlich, aber doch seelisch mit betroffen. Beide Partner brauchen dann seelische Unterstützung, da auch der Partner die Diagnose oft als lebensbedrohliche Situation erlebt.

Was kann die Diagnose Brustkrebs für Auswirkungen auf eine Partnerschaft haben?

Gödde: Beispielsweise können Konflikte, die immer schön unter den Teppich gekehrt wurden, plötzlich ganz im Vordergrund stehen. Also meist dann, wenn die Partnerschaft nicht mehr gut läuft. Es kann auch sein, dass der Partner durch die Veränderungen, die mit der Krebskranken passieren, sehr verängstigt ist und sich in sich zurückzieht, und die Kommunikation somit nicht mehr funktioniert. Umgekehrt kann es auch passieren, dass ein Paar gerade über so eine Krisensituation mal wieder richtig ins Gespräch kommt und, die Sache eine positive Wendung bekommt.

Es kann auch vorkommen, dass, je nach Krankheitsverlauf, eine Brust amputiert werden muss...

Gödde: Das wird ebenfalls sehr unterschiedlich erlebt. Häufig fühlt sich die Frau in ihrer Weiblichkeit komplett demoliert. Ihre Reaktion hängt auch davon ab, welche Bedeutung die Brust fürs Image hat. Eine Frau, die eine schöne Figur hat und gerne ein hübsches Dekolletee trägt, ist anders betroffen, als eine Frau, die zu ihrem äußeren Bild immer schon eine andere Einstellung hat. Allerdings spielt eine amputierte Brust auch in der Sexualität eine Rolle. Man sollte nicht vergessen, dass im übertragenen Sinn auch dem Partner die Brust abgeschnitten wurde. Schon schwelende Konflikte können dadurch weiter problematisiert werden.

Gibt es Männer, die sich von ihren Frauen trennen, weil sie damit nicht klarkommen?

Gödde: Ich habe eher den Eindruck, dass die Partnerschaften, die anlässlich einer Brustamputation auseinander gehen, auch vorher schon einen Knacks hatten. „Nur” wegen einer fehlenden Brust haut kein Mann ab. Ein Mann, der seine Frau liebt, der liebt auch eine Frau, der eine Brust fehlt.

Kann eine Psychotherapie beim Umgang mit der Krankheit und der Diagnose helfen?

Gödde: Ja, aber alle Betreuungs- und Therapiemaßnahmen, die über Gespräche laufen, können nur dann Nutzen bringen und funktionieren, wenn derjenige, der sie in Anspruch nimmt, das auch wirklich möchte. Sonst bringt das keinem was.

Wie kann der Laie helfen?

Gödde: Es muss einem klar sein, dass die Betroffene immer noch derselbe Mensch ist. Krebs ist zudem keine ansteckende Krankheit. Man kann den Menschen genauso anfassen, in den Arm nehmen, aus derselben Tasse trinken wie immer. Außerdem ist es wichtig, dass vermieden wird, unklare Begriffe zu verwenden und wenn jemand Brustkrebs hat, auch Brustkrebs zu sagen und nicht "diese Krankheit" oder "diese Diagnose". Brustkrebs ist Brustkrebs. Punkt. In der Einzelsituation, wenn man nicht weiß, was man tun soll, ist es am besten, die Betroffene zu fragen.

13.01.2007 | Quelle: Foto und Text "Ibbenbürener Volkzeitung"
 
Prof.Dr.med. Elisabeth Gödde
Fachärztin für Humangenetik, Psychotherapie
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