Prof.Dr.med. Elisabeth Gödde
Datteln

Früh auf Anzeichen von Missbrauch reagieren

KINDERSCHUTZ:
Vertreter von Hilfseinrichtungen kooperieren seit sieben Jahren

Jessica. Kevin. Beide Namen stehen für erschütternde Kinderschicksale, die bundesweit für Schlagzeilen gesorgt und viele Fragen aufgeworfen haben: Könnte so etwas auch bei uns passieren? Was wird getan, damit so etwas nicht geschieht? Der Ruf nach besserer Vernetzung von Hilfssystemen wurde laut. Genau das will ein "Interdisziplinäres Forum" in der Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln leisten. Nicht erst seit Jessica. Nicht erst seit Kevin. Sondern schon seit sieben Jahren.

VON DANIJELA BUDSCHUN

Das Forum, dem Vertreter von Jugendämtern und Justiz, Polizei und Sozialdiensten sowie Ärzte und Psychologen angehören, wurde durch die Ärztliche Beratungsstelle gegen Vernachlässigung und Misshandlung gegründet, die bereits seit 20 Jahren in der Kinderklinik besteht. Dass Kinder auch im Kreis Recklinghausen körperlicher oder sexueller Gewalt und Vernachlässigung ausgesetzt sind, belegen Zahlen: "156 Familien haben wir im Jahr 2005 betreut, 144 Kinder wurden uns neu vorgestellt", berichtet Dipl.-Psychologe und -Pädagoge Gottfried Barth, Leiter des dreiköpfigen Teams. Bei etwa 50 Prozent der Fälle handelte es sich um sexuellen Missbrauch, bei 40 Prozent um Misshandlung und bei zehn Prozent um Vernachlässigung, so der Ärztliche Direktor der Kinderklinik, Professor Dr. Werner Andler. Mehr als die Hälfte waren "Selbstmelder". Also Kinder, Jugendliche oder auch Eltern, die selbst oder über Vertrauenspersonen auf der Suche nach Hilfe Kontakt zu der Beratungsstelle aufnehmen. Fast jede fünfte Meldung kam von niedergelassenen oder Klinikärzten.

Hand in Hand zum Schutz von Kindern (v.l.): Marianne Ivens (Caritasverband RE), Sabine Gumbert-Drafz (Rechtsanwältin), Christiane Bröcker (Jugendamt Waltrop), Joachim Kantus (Sozialdienst Kinderklinik), Prof. Dr. Werner Andler (Ärztlicher Direktor Kinderklinik), Hermann Friese (Fachdienststelle für Sexualstraftaten und Missbrauchsfälle), Martina Schulze Entrup (Jugendamt RE), Prof. Elisabeth Gödde (Fachärztin für Humangenetik und Psychotherapeutin).
FOTO: DANIJELA BUDSCHUN

Die Zahlen seien jedoch nur die Spitze des Eisbergs, wissen die Mitglieder des Forums, die sich einmal im Jahr treffen. Im Vordergrund stehe dabei "die Zusammenarbeit der verschiedenen Hilfsinstitutionen unter Beteiligung aller Professionen, die mit Gewalt in der Familie zu tun haben." Die regelmäßigen Treffen sollen auch dazu beitragen, die Vernetzung aller Hilfs-Einrichtungen im Kreis weiter zu verbessern um möglichst früh auf Anzeichen von Kindesmisshandlung reagieren zu können. "Wir sind aber nicht der verlängerte Arm der Justiz", betont Andler. Es gehe darum zu helfen, nicht um Strafverfolgung. Hilfe ist notwendig: "Die Zahlen der Missbrauchsfälle sind in den letzten 20 Jahren sprunghaft angestiegen", sagt Hermann Friese, Leiter des Kriminalkommissariats für Sexualstraftaten und Missbrauchsfälle im Behördenbezirk (Kreis RE und Bottrop). Was nicht heißt, dass heute mehr missbraucht wird als früher: Der Anstieg sei zum großen Teil darin begründet, dass Kinder sich offenbaren und Menschen sensibler darauf reagieren, schneller und öfter Hilfe suchen. 209 Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern waren 2005 zur Anzeige gekommen vom Exhibitionismus bis zum schweren sexuellen Missbrauch. Hilfe bleibt notwendig: "Die Geschichten setzen sich fort", weiß Professor Elisabeth Gödde, Fachärztin für Humangenetik und Psychotherapeutin. Soll heißen: Das größte Risiko, Kinder zu missbrauchen, misshandeln oder zu vernachlässigen tragen Erwachsene in sich, die selbst als Kindermissbraucht, misshandelt oder vernachlässigt worden sind. Das Problem ziehe sich durch alle Schichten.

Hilfe muss bezahlt werden: "Kinderschutz kostet Geld, doch der Staat macht den Sack zu", schimpft Christiane Bröcker vom Waltroper Jugendamt auch in Anspielung auf die Kürzungen der Landesmittel im Jugendhilfebereich. Ihr Amtskollege Klaus Peveling aus Datteln ergänzt: "Die Belastungen für Familien werden immer größer, doch die Hilfsinstrumente sind nicht vergleichbar mitgewachsen. Und das findet seine Spitze in dem Problem, über das wir hier heute reden." Professor Werner Andler redet am Beispiel der Ärztlichen Beratungsstelle auch über Zahlen: Sie werde vom Land jährlich mit 16 000 Euro unterstützt. "Das macht gerade einmal ein Fünftel unserer jährlichen Kosten aus." Angesichts des finanziellen Drucks, unter dem alle Institutionen mehr oder weniger zu leiden hätten, sei es um so wichtiger, vorhandene Strukturen zu vernetzen. Das sei keine Garantie, dass schreckliche Fälle vermieden werden, aber eine Möglichkeit, sie ein Stück weit unwahrscheinlicher zu machen.

Ärztliche Beratungsstelle: 02363/ 975495.

14.12.2006 | Quelle: Medienhaus Bauer
 
Prof.Dr.med. Elisabeth Gödde
Fachärztin für Humangenetik, Psychotherapie
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